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Hier werden einige Sachen viel lockerer genommen Ich wohne in einem grossen Haus, das sich direkt im Zentrum der Stadt befindet. Ich kann fast alles zu Fuß erreichen und ansonsten fahre ich mich dem Taxi. Zum Haus gehören ein Swimmingpool und ein "Quincho", das ist ein Gartenhaus, in dem Barbecues zubereitet und gegessen werden. Ich habe mein eigenes Zimmer und ein eigenes Bad. Meine Familie hier gehört zu den reicheren, aber auch sie müssen sich durch die Krise einschränken. Meine Gastfamilie hier in Argentinien unterscheidet sich in einigen Punkten deutlich zu meiner Familie in Deutschland. Das Leben in meiner Gastfamilie läuft um einiges ruhiger ab. Meine Gastmutter ist für mich eher so etwas wie eine Freundin, die einem sagt, wo die Grenzen sind, als wie eine Mutter. Ich komme bestens mit ihr aus, weil ich immer mit ihr reden kann, wenn ich Probleme habe. Ich streite mich mit meinen Argentinischen Brüdern deutlich mehr. Das liegt vor allen Dingen daran, dass wir schon wegen Kleinigkeiten anfangen zu streiten und dass wir einfach nicht lange neben einander auskommen. Mein kleiner Gastbruder ist für mich am ehesten wie ein Bruder, da wir uns streiten und vertragen wie normale Geschwister. Die Familie ist hier bedeutungsvoller, als die Freunde. Es wird in meiner Familie unheimlich viel diskutiert und geschrien, wobei es dabei keiner böse meint. Ich muss durch die Putzfrauen deutlich weniger Hausarbeiten machen, aber ich merke, dass Frauen und Mädchen eher aufgefordert werden, Arbeiten im Haushalt zu machen, als Männer. Bei mir macht es sich in sofern bemerkbar, dass meine Gastmutter und ich auch mal dies und jenes tun müssen. Ich gehe auf eine religiöse Mädchenschule namens Santa Isabel. In meiner Klasse gibt es 50 Mädchen, deswegen fiel es mir nicht schwer, neue Freunde zu finden. Im Unterricht geht es, auch aufrgrund der grossen Anzahl von Schülerinnen, um einiges lauter zu. In den einzelnen Fächern wird viel mehr diktiert und geschrieben, als ich es gewohnt war. Ich habe in der Schule keine Schwierigkeiten, da ich hier in einer Klasse bin, die im deutschen Schulsystem Anfang 10. Klasse bedeutet. Fächer wie Biologie, Chemie und Matemathik sind daher für mich reine Wiederholung und ich habe keine Probleme in diesen Fächern mitzuarbeiten. In Fächern wie Spanisch oder Forschung tue ich mich jedoch schwerer. Es liegt vor allem daran, dass ich mit meinem doch recht umgangssprachlichen Spanisch im Alltag gut zurechtkomme, es aber in der Schule nicht immer ausreicht. Nach ungefähr drei bis vier Monaten hatte ich keine großen Probleme mehr, mich mit meiner Familie und meinen Freunden zu verständigen. Da ich auf eine halbprivate Schule gehe, streiken bei uns die Lehrer kaum. Die Schule wird hier lockerer genommen, als ich es kenne und das Lernen wird, seitens der Schülerinnen, des öfteren auf die Seite geschoben. Hier werden einige Sachen viel lockerer genommen, als ich es kannte. Am Anfang fragte ich meine Freunde oft schon am Mittwoch, was wir denn am Wochenende machen werden und sie antworteten mir, dass sie es doch jetzt noch nicht wissen und oft besprechen wir Freitagabend, was wir unternehmen. Auch die Unpünktlichkeit war am Anfang etwas Neues für mich. Meine Gastfamilie ist alles andere als unpünktlich, doch ich habe einige Freunde, die grundsätzlich eine Stunde zu spät kommen. Ich habe viele Freundinnen, doch die Freundschaften, die ich hier habe, sind nicht ganz so fest wie in Deutschland. Ich treffe mich öfter mit meinen Freundinnen, als ich es zu Hause getan habe. Auch das Ausgehen nachts ist verschieden und hat mich am Anfang doch ein wenig zum Staunen gebracht. Ich gehe mit meinen Freundinnen fast jedes Wochendene weg. Wir gehen in Discos tanzen, auf Geburtstage oder einfach nur in einen Pub. Mich verwunderte es, dass meine Freunde schon mit 15 Jahren ausgehen dürfen. Die 15 Jahre sind hier so etwas wie eine ungeschriebene Grenze des ersten Erwachsenseins. Der Brauch ist es, eine grosse Feier zu seinem 15. Geburtstag mit vielen Gästen zu machen. Mit 15 fangen hier einige Jugendliche schon an, Auto zu fahren und grundsätzlich ist das das Alter, ab dem die Jugendlichen anfangen, in die Disco zu gehen. Die Wäsche der Frauen und Mädchen zum Ausgehen ist mehr sexy und kürzer. Die Männer ziehen sich hier für das Ausgehen in Bars und Discos elegant an. Formosa ist eine der ärmsten Provinzen Argentiniens und die Armut in dieser ist um vieles grösser, als in Deutschland. Man hatte mich zwar darüber auf geklärt, trotzdem war ich geschockt, als wir das erste mal zu einem Slum ausserhalb der Stadt fuhren und ich Menschen in Lehmbauten habe wohnen sehen. Die Armut ist vor allen Dingen in den Zeiten der Krise schlimm und auch dass Leute an deine Tür kommen und nach Essen und Kleider fragen, war für mich neu. Am Anfang bekam ich oft die Unterschiede zwischen der ersten und der dritten Welt zu hören. Und ich fühlte mich schon ein bisschen seltsam, wenn jemand über die Vorteile der ersten Welt erzählte und diese bewunderte, da ich mir darüber vorher nicht so bewusst war. Als die ersten Spiele der Weltmeisterschaft stattfunden, war ich total begeistert. Jeder war für Argentinien und jeder schaute die Spiele an: erwartungsvoll vor dem Fehrnseher mit T-Shirts, Mützen und anderen Accesoires in den Farben der argentinischen Flagge. Ich bin davon begeistert, dass wenn bestimmte Lieder zum Anfeuern der Fussballspieler in den Discos oder in den Bars gespielt werden, dass ausnahmslos alle mitgrölen. Ich kannte diese Fussballfieber so gar nicht und wenn ein Spiel gewonnen wurde, herrschte in Formosa der totale Ausnahme- zustand. In Deutschland kannte ich das vor allem von bestimmten Gruppen von Jugendlichen oder Fussballfans, aber hier waren alle dabei und hofften, dass Argentinien gewinnt. Was ich auch nicht kannte, war das tägliche Flagge Hissen in der Schule und das Singen einer Hymne. Die Nationalhymne wird hier im allgemeinen bei allen möglichen Feiertagen und Festen gesungen. Ich besuchte ziemlich am Anfang meines Austauschjahres ein Theaterstück mit meiner Gastmutter, meinen zwei Gasttanten und meinem Gastvater. Es handelte von dem Problem, dass viele Argentinier, gerade in den Zeiten der Krise, Argentinien verlassen wollen. Mich fazinierte der Vaterlandstolz, den diese Theaterstück zeigte und die Emotionen des Publikums, das es sah. Seitens des Publikums wurde viel geweint und diese Reaktionen fand ich beeindruckend. Ich habe an zwei Reisen von AFS teilgenommen um das Land näher kennenzulernen. Die Erste ging zu den Wasserfällen von Iguazu und den zwei wunderschönen Provinzen in den Anden, Salta und Jujuy. Die Zweite ging nach Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, und zum "perito moreno" einem Gletscher. Ich hatte das Glück, vor ein paar Tagen nach "mar del plata" zu der Hochzeit meiner Gaststante zu fahren und die Unterschiede zu deutschen Gebräuchen festzustellen. Die Hochzeit war wunderschön. Es war eine grosse Feier und ich war froh, an diesem Geschehen teilnehmen zu dürfen. Nun ist schon mehr als die Hälfte meines Jahres hier herum. Mir kam diese Zeit viel weniger vor. Ich habe meine Familie hier richtig lieb gewonnen und fühle mich in meiner Umgebung total wohl. Ich hoffe, mich erwarten noch weitere sieben schöne und erfahrungsreiche Monate in Formosa, bevor ich wieder nach Deutschland zurückkehre. Autor: Katharina, Argentinien 2002/2003, Stipendium von Aventis Pharma Deutschland GmbH"Quelle: AFS Interkulturelle Begegnungen e.V. |
| Aktualisiert: Februar 2004 - Youth-Pel.de |