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"Viele
andere Gewohnheiten lernte ich natürlich erst später in der
Familie kennen. So war ich sehr erstaunt darüber, wie häufig
sich Verwandte gegenseitig besuchen (z.T. noch spät abends und ohne
Vorankündigung) und wie viele Anlässe verwendet werden, um Feste
zu feiern. Auch die Sitte, sich zuerst gemeinsam mit Freunden zu Hause
zum Trinken zu treffen und dann in die Disco zu gehen (wo Alkohol unerschwinglich
ist), war neu für mich. Die Disco - in Island "Ball" genannt,
kann schnell zum Fettnäpfchen für Austauschschüler werden.
Im Gegensatz zu Deutschland geht man dort nicht in der
lässigen Jeans und dem Sweatshirt hin, sondern im Smoking bzw. Abendkleid!
Ohne entsprechendes Dress winkt der Türsteher ab! Isländer sind
sehr auf Äußerlichkeiten bedacht. Sie deshalb als "oberflächeliche
Menschen" zu charakterisieren, wird ihnen aber nicht gerecht. Man
kann mit ihnen hervorragend Konversation und Small talk betreiben, wenn
man dies möchte.
Kennt
man Isländer aber näher, kann man auch sehr tiefgründige,
erste, geradezu philosophische Gespräche führen. Es gibt - abgesehen
vom Thema Walfang - kein Thema, das man mit Isländern nicht diskutieren
kann. Sie sind sehr aufgeschlossene, neugierige und interessierte Menschen,
die gerne über ihren Tellerrand hinaus schauen. Als Austauschschüler
wird man mit Fragen zu seinem Land, seiner Familie etc. geradezu gelöchert.
Ich mußte deutsches Essen kochen, deutsche Filme ("Otto - der
Film") aus der Videothek holen und Unmengen von Bildern über
mein Land zeigen. Umgekehrt sind Isländer sehr stolz auf ihr Kultur,
ihre Leistungen und ihre Geschichte. Sehr schnell erfuhr ich, welcher
Isländer der stärkste Mann der Welt war, welche Isländerinnen
es bis zur Miss World gebracht haben, wie der Nobelpreisträger Islands
heißt, dass Reykjavik die nördlichste Hauptstadt der Welt ist,
Island die älteste Demokratie in Europa hatte, die erste Staatspräsidentin...
Ein Kompliment, das auf diesen Stolz abzielt kann deshalb
schnell Sympathien bei Isländern wecken und Tür und Tor für
dauerhafte Freundschaften öffnen. Gleichzeitig ist dieser Stolz aber
auch so ansteckend, dass niemand von uns Austauschschülern sich dessen
am Ende entziehen konnte. Und so habe auch ich am Ende meines Aufenthaltes
voller Überzeugung sagen können: Island er landid mitt! (Island
ist mein Land!)"
Autor: Yvonne Sommer, Island 1990/1991"
Quelle: AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.
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